IPA > Abfallsteckbrief > 1801 und 1802 Human- und tierärztliche Versorgung, Stand 20.07.2009

Schadstoffe und gefährliche Eigenschaften

 

 

Schadstoffe

Schwermetalle

Schwermetalle spielen bei Abfällen aus der human- und tierärztlichen Versorgung (AVV-Kapitel 18) bzgl. der Einordnung als gefährliche Abfälle keine Rolle. Eine Ausnahme bilden die Amalgamabfälle aus der Zahnmedizin (AS 180110*). Amalgame - Mischungen verschiedener Metalle mit Quecksilber - werden als Zahnfüllungen eingesetzt. Schwermetalle und Schwermetallgehalte können auch für Chemikalien (z.B. Diagnostikmittel) und deren Einordnung als gefährliche Abfälle relevant sein.



Organische Schadstoffe

Die typischen organischen Schadstoffe, die u.a. in der Abfallanalysendatenbank ABANDA ausgewiesen sind, wie z.B. PAK, PCB, halogenierte Kohlenwasserstoffe, Dioxine, Phenole, Aromaten, Pestizide, haben für die Gefährlichkeitsbewertung der medizinischen Abfälle des AVV-Kapitels 18 eine untergeordnete Relevanz. Es sind keine auffällig hohen Gehalte organischer Schadstoffe bekannt und publiziert.

Organische Schadstoffe können in Chemikalien, die aus gefährlichen Stoffen bestehen oder solche enthalten (AS 180106* und AS 180205*), enthalten sein. Beim Umgang mit biologischen Arbeitsstoffen sind die Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe TRBA 250 zu beachten.



Krankheitserreger und Wirkstoffe

AS 180103* / AS 180202* - Abfälle, an deren Sammlung und Entsorgung aus infektionspräventiver Sicht besondere Anforderungen gestellt werden

Infektiöse Abfälle enthalten lebensfähige Mikroorganismen oder deren Toxine (Krankheitserreger), die bei Kontakt mit Menschen und/oder Tieren zur Übertragung und damit zur Ausbreitung der Krankheit führen können. Krankheitserreger können sich in allen Körperflüssigkeiten, in Geweben, in mikrobiologischen Kulturen oder auch in verunreinigten Materialien befinden. Informationen zu Infektionswegen sind beispielsweise LAGA Vollzugshilfe Nr. 18 "Richtlinie über die ordnungsgemäße Entsorgung von Abfällen aus Einrichtungen des Gesundheitsdienstes" oder Veröffentlichungen und Informationen des Robert-Koch-Institutes, Berlin bzw. Veröffentlichungen und Informationen des Friedrich-Loeffler-Institutes.



AS 180108* / AS 180207* - Zytotoxische und zytostatische Arzneimittel

Zytotoxische und zytostatische Arnzeimittel enthalten Wirkstoffe, die karzinogene, mutagene, teratogene und/oder embryotoxische Potenziale aufweisen. Im Rahmen des Zulassungsverfahrens auf Grundlage des Leitfadens von der Safety Working Party der Arzneimittelagentur (EMEA - European Medicines Agency) (Quelle: EMEA 2006: Guideline on the environmental risk assessment of medicinal products for human use. Committee for Medicinal Products for Human Use (CHMP), Doc. Ref. EMEA/CHMP/SWP/4447/00: 1-12 erfolgen keine nach dem Chemikaliengesetz vorgeschriebenen Prüfungen auf (Öko)toxozität.

Eine generelle Einschätzung der Umweltrisiken durch Zytostatika steht noch aus. Im Auftrag des Umweltbundesamtes wurde eine "Umweltrisikobewertung von Zytostatika" anhand von Literaturauswertungen durchgeführt, um weiteren Handlungsbedarf bezüglich Bewertung entsprechender Arzneien abzuleiten (Quelle: Universitätsklinikum Freiburg, Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen: Umweltrisikobewertung von Zytostatika, März 2009, Texte 06/09, Umweltforschungsplan des BMU, Forschungsbericht 360 14 004, UBA-FB 001256). Mit dem Merkblatt 620 gibt die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege Informationen zur sicheren Handhabung von Zytostatika in human- und tiermedizinischen Einrichtungen.

Arzneimittel für Tiere werden durch das Friedrich-Loeffler-Institut (siehe Quellenverzeichnis) und das Paul-Ehrlich-Institut (siehe Quellenverzeichnis) zugelassen.

 

Hinweis
Gefahrenrelevante Abfalleigenschaften, CLP-Verordnung und neue Abfallverzeichnisverordnung

Der Anhang III der Abfallrahmenrichtlinie (2008/98/EG) enthält eine Aufstellung gefahrenrelevanter Eigenschaften von Abfällen, die u.a. auf den Rechtsvorschriften für Chemikalien beruhen. Mit der Aufhebung der Stoffrichtlinie (67/548/EWG) und der Zubereitungsrichtlinie (1999/45/EG) und deren Ersetzung durch die CLP-Verordnung muss der Anhang III geändert werden. Dies ist mit Verordnung 1357/2014 vom 18. Dezember 2014 geschehen, die ab 01.Juli 2015 gilt.

Im neuen Anhang III sind die 15 gefahrenrelevanten Eigenschaften (Hazardous Properties) von Abfällen mit neuen Bezeichnungen und Konzentrationsgrenzwerten an die CLP-Verordnung angepasst und das aktualisierte Abfallverzeichnis durch drei neue Abfallschlüssel (010310*, 160307*, 190308*) und eine Korrektur (060802*) ergänzt worden. Im deutschen Recht ist eine Neufassung der Abfallverzeichnisverordnung AVV in Bearbeitung.

Die IPA-Abfallsteckbriefe werden schrittweise an die neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Gefährlichkeitseinstufung von Abfällen angepasst. Abfallsteckbriefe ab dem Bearbeitungsstand 01.06.2015 sind weitestgehend überarbeitet.

Die Angaben des Anhangs III sind in der nachfolgenden Tabelle zusammengefasst:
HP14, 4. Spalte: Hergeleitet aus Hinweisen zur Anwendung der AVV

Gefahrenrelevante Eigenschaften Gefahrenhinweise und Konzentrationsgrenzwerte
HP1 explosiv einzelner Stoff H200, H201, H202, H203, H204, H240, H241
HP2 brandfördernd einzelner Stoff H270, H271, H272
HP3 entzündbar einzelner Stoff H220, H221, H222, H223, H224, H225, H226, H228, H242, H250, H251, H252, H260, H261
HP4 reizend Gesamtkonzentration an Stoffen Summe aller Stoffe mit H314: >1 %,
Summe aller Stoffe mit H318: >10 %,
Summe aller Stoffe mit H315 und H319: >20 %
HP5 Spezifische Zielorgan-Toxizität (STOT), Aspirationsgefahr einzelner Stoff STOT einm. 1-3: H370, H371, H335: >1 %, 10 %, 20 %
STOT wdh. 1-2: H372, H373: > 1 %, 10 %
Asp. 1: H304: > 10 %
HP6 akute Toxizität Gesamtkonzentration an Stoffen Akut Tox. oral 1-4: H300, H301, H302: > 0,1 %, 0,25 %, 5 %, 25 %
Akut Tox. dermal 1-4: H310, H311, H312: > 0,25 %, 2,5 %, 15 %, 55 %
Akut Tox. inhal 1-4: H330, H331, H332: > 0,1 %, 0,5 %, 3,5 %, 22,5 %
HP7 karzinogen einzelner Stoff H350: >0,1 %, H351: > 1 %
HP8 ätzend Gesamtkonzentration an Stoffen Stoffe mit H314 > 5%
HP9 infektiös
HP10 reproduktionstoxisch einzelner Stoff H360: >0,3 %, H361: > 3 %
HP11 mutagen einzelner Stoff H340: >0,1 %, H341: > 1 %
HP12 Freisetzung eines akut toxischen Gases einzelner Stoff EUH029, EUH031, EUH032
HP13 sensibilisierend einzelner Stoff H317, H334: >10 %
HP14 ökotoxisch Akute aquatische Toxizität: H400, H410: > 0,25%, H411: >2,5 %,
H412: >25 %, H413: > 0,1 %
Kann die Ozonschicht schädigen: EUH059
HP15 Abfall, der eine der oben genannten gefahrenrelevanten Eigenschaften entwickeln kann, die der ursprüngliche Abfall nicht unmittelbar aufweist H205, EUH001, EUH019, EUH044

 

Gefährliche Eigenschaften

Gefährliche Abfälle sind in der Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet. Von ihnen wird angenommen, dass sie mindestens eine gefahrenrelevante Eigenschaft nach Anhang III der EU-Abfallrahmenrichtlinie (2008/98/EG) besitzen. Einige Abfallarten sind aufgegliedert in gefährliche (*) und in nicht gefährliche Abfälle (sogenannte Spiegeleinträge), bei denen die Einstufung als "gefährlich" vom Gehalt gefährlicher Stoffe abhängig gemacht wird.

Die Regelungen für den Abfallbereich beruhen u. a. auf den Rechtsvorschriften der CLP-Verordnung (1272/2008/EG) und gelten seit dem 01.06.2015 im europäischen Recht. Im deutschen Abfallrecht ist die Verordnung über das Europäische Abfallverzeichnis (Abfall-Verzeichnisverordnung - AVV) durch die Verordnung zur Umsetzung der novellierten abfallrechtlichen Gefährlichkeitskriterien geändert worden (siehe hierzu die Rubrik - Aktuelles zur AVV).

In der folgenden Tabelle wird aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht die vollständige Stoffeinstufung dargestellt, die bei Bedarf in Stoffdatenbanken (z. B. Einstufungs- und Kennzeichnungsverzeichnis der ECHA (EU), GESTIS (DE), GisChem (DE), GSBL (DE) oder IGS (NW), verlinkt im Quellenverzeichnis nachgesehen werden kann.
Schadstoffe Gehalte / Konzentrationen Erläuterungen
Abfälle, an deren Sammlung und Entsorgung aus infektionspräventiver Sicht besondere Anforderungen gestellt werden - AS 180103* / AS 180202*
lebensfähige Mikroorganismen oder deren Toxine (Krankheitserreger) Krankheitserreger sind u.a. in der LAGA Vollzugshilfe M 18 und im Infektionsschutzgesetz bzw. in der "Amtlichen Methodensammlung für anzeigepflichtige Tierseuchen" benannt.
Erreger können in allen Körperflüssigkeiten, Geweben oder Materialien, die mit infizierten Körperflüssigkeiten verunreinigt sind, sowie in mikrobiologischen Kulturen enthalten sein.
Chemikalien, die aus gefährlichen Stoffen bestehen oder solche enthalten- AS 180106* / AS 180205*
Schwermetalle abhängig von der jeweiligen Chemikalie, z.B. anorganische Laborchemikalien, Fixier- und Entwicklerbäder
Organische Schadstoffe abhängig von der jeweiligen Chemikalie, z.B. Lösemittel, organische Laborchemikalien
Formaldehyd Formaldehydlösungen, können als akut toxisch, ätzend, krebserzeugend, keimzellmutagen eingstuft sein
Säuren, Laugen i.d.R. als ätzend bzw. reizend eingestuft
zytotoxische und zytostatische Arzneimittel - AS 180108* / AS 180207*
zytotoxische oder zytostatische Wirkstoffe über einhundert Wirkstoffe sind bekannt, aus denen mehrere hundert Arzneimittel hergestellt werden.
Wirkstoffe können selbst karzinogen, mutagen, teratogen und/oder embryotoxisch sein und auch auf gesunde Zellen einwirken.
Amalgamabfälle aus der Zahnmedizin - AS 180110*
Quecksilber ca. 50 % im Silberamalgam enthalten, Legierung enthält zudem Zinn, Kupfer, Indium und Zink.

 

Auswertungen aus der Abfallanalysendatenbank ABANDA

In der folgenden Tabelle sind Links zur Abfallanalysendatenbank ABANDA angegeben, mit deren Hilfe Sie Informationen zur chemischen Zusammensetzung der Abfälle erhalten. Zu jeder Abfallart ist in der Tabelle die Anzahl der vorhandenen Analysen angegeben. (Bei weniger als 10 Analysen sind keine sinnvollen statistischen Auswertungen möglich und es wird deshalb nicht nach ABANDA verlinkt).
Abfallarten Anzahl der
Analysen
180103* Abfälle, an deren Sammlung und Entsorgung aus infektionspräventiver Sicht besondere Anforderungen gestellt werden 1
180104  Abfälle, an deren Sammlung und Entsorgung aus infektionspräventiver Sicht keine besonderen Anforderungen gestellt werden (z. B. Wund- und Gipsverbände, Wäsche, Einwegkleidung, Windeln) 2
180107  Chemikalien mit Ausnahme derjenigen, die unter 18 01 06 fallen 2
180108* zytotoxische und zytostatische Arzneimittel 3
180202* Abfälle, an deren Sammlung und Entsorgung aus infektionspräventiver Sicht besondere Anforderungen gestellt werden 1
180205* Chemikalien, die aus gefährlichen Stoffen bestehen oder solche enthalten 4

 

Einstufung von Abfällen in gefährliche bzw. nicht gefährliche Abfälle

Die Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV) enthält 842 Abfallarten, davon sind 408 als gefährlich eingestuft und mit einem Sternchen (*) gekennzeichnet. Allerdings wird nur ein Teil dieser Abfallarten als absolut gefährlich eingestuft. Bei 180 dieser gefährlichen Abfallarten kann alternativ auch eine als nicht gefährlich gekennzeichnete Abfallart ausgewählt werden, wobei dann von so genannten Spiegeleinträgen gesprochen wird.

Ein Abfall aus einem Spiegeleintrag wird im Abfallverzeichnis als gefährlich eingestuft, wenn dieser Abfall relevante gefährliche Stoffe enthält, aufgrund derer er eine oder mehrere der in Anhang III der Richtlinie 2008/98/EG aufgeführten gefahrenrelevanten Eigenschaften HP1 bis HP8 oder HP10 bis HP15 aufweist. Das Vorliegen der gefahrenrelevanten Eigenschaft HP9 wird angenommen, wenn Abfälle mit gefährlichen Erregern behaftet sind.

Bestimmte persistente organischen Schadstoffe (POP) können nach Nr. 2.2.3 in der Anlage zur AVV ebenfalls zu einer Einstufung als gefährlicher Abfall führen (siehe "Aktuelles zur AVV"). Enthalten Abfälle diese POP oberhalb der Grenzwerte gemäß Anhang IV der POP-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 850/2004) in der Fassung vom 30.03.2016, werden diese Abfälle als gefährlich eingestuft

Die Europäische Kommission hat einen Technischen Leitfaden zur Abfalleinstufung (2018/C 124/01) bekannt gemacht (siehe Quellen). Auch die Länderarbeitsgemeinschaft Abfall (LAGA) hat Technische Hinweise zur Einstufung von Abfällen nach ihrer Gefährlichkeit veröffentlicht (siehe Quellen). Die LAGA-Hinweise stellen vereinfachte Grenzwertlisten für den Fall bereit, dass keine genauen Informationen zur stofflichen Zusammensetzung der Abfälle vorliegen, um eine Gefährlichkeitseinstufung nach Anhang III der Abfallrahmenrichtlinie (2008/98/EG) durchführen zu können. Einige Länder haben die LAGA-Hinweise zur Anwendung empfohlen (siehe „Aktuelles zur AVV“) oder planen dies. Neben den LAGA-Hinweisen sind ggf. zusätzliche oder abweichende länderspezifische Anforderungen bei der Abfalleinstufung zu beachten.

Diese Informationen werden derzeit für IPA aufbereitet und sollen zukünftig wieder hier dargestellt werden.

 

 

Glossar
  zytotoxischFähigkeit einiger chemischen Substanzen (Arzneistoffe, Antikörper, Viren), Zellen und Gewebe zu schädigen
  zytostatischFähigkeit natürlicher oder synthetischer Substanzen, das Zellwachstum bzw. die Zellteilung zu hemmen
  ZytostatikaSubstanzen, die die Entwicklung und Vermehrung schnell wachsender Zellen hemmen und vor allem in der Behandlung von Tumorerkrankungen eingesetzt werden (Chemotherapie)
  karzinogen(auch carcinogen, kanzerogen oder cancerogen) Krebs erzeugend oder fördernd
  mutagendas Erbgut eines Organismus verändernd
  teratogenfruchtschädigend, Schädigung des Kindes im Mutterleib
  embryotoxischEigenschaft körperfremder Stoffe, schädliche Wirkungen auf das sich entwickelnde Kind durch Aufnahme über den Mutterleib während der Embryonalphase hervorzurufen
  CLPClassification, Labelling and Packaging (Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung)
  CLP-VerordnungVerordnung (EG) Nr. 1272/2008 des europäischen Parlaments und des Rates vom 16. Dezember 2008 über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen, zur Änderung und Aufhebung der Richtlinien 67/548/EWG und 1999/45/EG und zur Änderung der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006
  StoffrichtlinieRichtlinie 67/548/EWG des Rates über die Einstufung, Verpackung und Kennzeichung gefährlicher Stoffe

 

Quellenverzeichnis
  EU - Europäische Union
  DE - Bundesrepublik Deutschland
  BW - Baden-Württemberg
  BY - Bayern
  BE - Berlin
  BB - Brandenburg
  HB - Bremen
  HE - Hessen
  NI - Niedersachsen
  NW - Nordrhein-Westfalen
  RP - Rheinland-Pfalz
  SL - Saarland
  SN - Sachsen
  TH - Thüringen

 


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